Erlebnisraum: Fühlen

Der Erlebnisraum Fühlen aus Sicht einer Besucherin:

Eine ausgewogene Entwicklung ist auch das Resultat vieler Glücksgefühle.

Durch das Befühlen von Gegenständen aus der Lebensumwelt und dem gefühlvollen Umgang miteinander, wächst die Welt der Wörter Stück für Stück.

Vor fünf Minuten betrat ich diesen Raum, der vom nüchternen aber altehrwürdigen Hörsaal zu einem vielseitigen Fühlparcour gestaltet wurde. Jetzt stecken meine Hände in einer Glasschüssel mit einer undefinierbaren Masse, die mal weich, mal hart, mal fest, mal flüssig ist und sich gleichzeitig unglaublich gut anfühlt. Ein kindliches Vergnügen in mir möchte gar nicht mehr aufhören, die Finger in dieses Maismehl-Wasser-Gemisch zu tauchen, darauf zu schlagen, es verrinnen zu lassen. Plötzlich kommt mir der Gedanke in den Sinn, dass dieses Fühlerlebnis ein Symbol für den Umgang mit den Kindern ist. Geht man einfühlsam auf die Kindern ein, kann man ihr Herz erreichen. Begegnet man ihnen mit Härte und Wucht, stößt man auf Widerstand und kommt nicht in Verbindung miteinander.

Als ich die Schwelle zum Erlebnisraum Fühlen betrat, unterbrach eine Wand mit einer großen Frage meinen umherschweifenden Blick: Wie fühle ich mich heute?

Ich schaute mir eine Auswahl an Fischbildern an, welche aus leuchtenden feinen Linien gezeichnet waren. Sie wirkten glücklich, niedergeschlagen, zufrieden, wütend, neugierig, verliebt.

Ich hielt kurz inne. Ich spürte, dass es gar nicht so einfach ist wahrzunehmen, wie es mir wirklich geht. Wann habe ich mir diese Frage das letzte Mal bewusst gestellt und welche Rolle spielt das in meinem Arbeitsalltag

Heute Morgen, regennass, viel zu früh durch den grauen Morgen zur Tagung geschleppt, hätte ich noch den griesgrämigen Fisch gewählt. Doch nun, einige Stunden und tollen Erlebnissen später, fühlte ich mich beschwingt und eher ausgelassen. Wie sich Gefühle doch durch persönliche Begegnungen, Räume und Erlebnisse ständig verändern können. So erlebe ich es auch täglich in der Kita - diesen Synergieeffekt zwischen den Kindern und uns Erzieher*innen, aber auch unter uns Kolleg*innen.

In den nächsten zwanzig Minuten probiere ich mit einer Kollegin ein Fühlmemory aus, knipse an einer Fotowand mit verschiedenen Gesichtsausdrücken zum Zusammenbasteln ein witziges Selfie. Ich entdecke Gefühlshandpuppen, fühle an Tastwänden diverse Materialien und bin aufgefordert für diesen taktilen Eindruck Worte zu finden. Auf dem langen knallroten Streifen am Boden kann ich durch Annäherung zu einer anderen Teilnehmerin ausprobieren, in welcher der Nähe-Distanz-Zonen ich mich befinde und wie angenehm mir das ist. Es sind sowohl die öffentliche, soziale, persönliche und intime Zone als auch kulturelle Unterschiede markiert. An einer weiteren Station stelle ich in einer Gesprächsübung mit einer Partnerin fest, wie sich die Wortwahl und der Stimmklang einer Aussage auf meine Gesprächs- und Handlungsbereitschaft auswirken können.

Besonders beeindruckt bin ich von Fotos, die sogenannte Grenzsituationen zeigen, die ich aus meinem Arbeitsalltag kenne. An dieser Stelle werde ich aufgefordert zu beschreiben, was diese Bilder in mir auslösen: die Großaufnahme einer Rotznase, eine erschöpfte Erzieherin, ein mit Essensresten bekleckerter Boden, ein quarkverschmiertes, strahlendes Kind. Erstaunlich, wie individuell diese Eindrücke an

der Tafel formuliert wurden. Zu letzterem Bild lese ich Kommentare von ih, eklig, lecker bis hin zu freie Entfaltung und Glücksgefühle.
Am Ende meines Rundgangs fällt mein Blick nochmal zurück und liest sich durch die Wörterwolken an der Decke des Raums: Quietschfidel, Freudentaumel, Lachträne, Bauchgefühl, Hoffnungsschimmer, Fracksausen. Es gibt so viele wunderbare Wörter in unserer Sprache, die unser Fühlen unglaublich unverwechselbar beschreiben.

Autorin: Tabitha Thieme und Juliane Walcker